Eine konkrete Vater-Sohn-Beziehung

Tanz | Martin Nachbar forscht im Künstlerhaus Zeitraumexit zusammen mit seinem Vater auf bekanntem und fremdem Terrain

Zeitung

Mannheimer Morgen

Ganz unterschiedlich sind Größe und Muster der Teppiche, die im Mannheimer Kulturzentrum zeitraumexit den Bühnenboden auskleiden. Am Beginn von „Repeater. Tanzstück mit Vater“ ordnen die beiden Akteure die Teppiche so an, dass sie nahtlos aneinander liegen. Für die kleine Lücke, die übrigbleibt, holt der Jüngere der beiden aus dem Off noch einen weiteren kleinen Teppich. Jetzt ist der Boden bereitet für die kommende Performance.
Ihr besonderes Merkmal ist die Idee des Choreographen und Tänzers Martin Nachbar, mit dem eigenen Vater zu arbeiten. Auch wenn das kein Novum in der Tanzwelt ist – Guilio D’Anna etwa durchleuchtete auf der diesjährigen Tanzbiennale in Heidelberg mit seinem Vater in „Parkin’son“ weniger dessen Krankheit als ihrer beider Beziehung – ist es doch etwas Spezielles. „Für mich war es seltsam, meinen Vater anzufassen, zu berühren. Als Kind wirst du ja ständig angefasst“, erklärt Martin Nachbar anschließend im Künstlergespräch. Für den Vater Klaus Nachbar ist das Berühren seines Sohns ganz normal und selbstverständlich. Neu waren für den ehemaligen Kaufmann eher die künstlerische Arbeit und die damit verbundene Bühnenerfahrung.
In „Repeater.Tanzstück mit Vater“ schaffen die beiden Performer einen körperlichen Eindruck von ihrer künstlerischen Ausarbeitung der familiären Beziehung. Bald erzeugt das unterhaltsame Momente, wenn der Sohn seinen Vater auf Bein, Schulter und Hintern schlägt, ihn auffordert ähnlich zu reagieren; bald sind wir als Zuschauer an das kindliche Spielen erinnert, wenn beide Akteure ihre Augen mit den Händen bedecken und blind tastend mit dem suchenden Arm in der Gegend herumfahren; bald erschreckt man, wenn der Sohn über die Teppiche hinfegt, ihre Anordnung zerstört, sich in sie einwickelt und unter ihnen verschwindet. Ein konkreter, aber feinfühlig in den Hintergrund gesetzter Sound – Arbeitsgeräusche oder Regen und knisterndes Feuer – begleiten das aufeinander bezogene Erkunden dieser Beziehung.
Der in Berlin ansässige, international gefragte Künstler und Pädagoge Martin Nachbar wollte ursprünglich Zeit mit seinem Vater verbringen. Diese aber mal umgekehrt von seiner Warte aus. Daraus ist für den Choreographen als Sohn und den Vater als tanzenden Amateur, eine spannende Unternehmung geworden. Und für das Publikum eine an Überraschungen reiche Sicht auf die Arbeitsweise von Martin Nachbar.
Nora Abdel Rahman