Fröhliches Schweigen

Performance: Sudermann&Söderberg widmen sich bei zeitraumexit der Musikalität der Sprache

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Mannheimer Morgen

Von unserem Redaktionsmitglied Ralf-Carl Langhals

 

Vieles, was wie später als modern oder neu empfinden sollten, wusse die mittelalterliche Scholastik schon: "alquid stat pro aliquo", etwas steht stellvertretend für etwas anderes. Die Definition des Zeichens fußt auf dieser Erkenntnis, der sich sprachwissenschaftlich die Semiotik widmet. Zwar sind die schwedische Tänzerin Alma Söderberg und die deutsche Körperschauspielerin Jolika Sudermann in der Eigenproduktion des Mannheimer Theaterzentrums zeitraumexit beileibe nicht angetreten, um an drei Abenden lehrbuchschwer künstlerische Linguistik zu verhandeln, doch im Ergebnis ist ihr Duett "A talk" bei aller heiteren Leichtigkeit hochwissenschaftlich. Die Koproduktion mit dem Düsseldorfer FFT und dem Hetveem Theater Amsterdam ist nicht weniger als musikalisches Sprachtheater allererster Kajüte.

Beim Einlass sitzen die Performerinnen unprätentiös auf zwei schlichten Stühlen und stampfen, klatschen und schnipsen bereits, was das Zeug hält. Rhythmuslinien überlappen sich, laufen auseinander, treiben sich dynamisierend an, bremsen sich decrescendo aus, verebben. Ein Zweiwort-Mantra (mit leichter Überlänge) bringt sie in den richtigen 'Flow', sie finden ihren Sprachfluss, ihre Gesrpächsmelodie, nehmen in Haltung und Gesten eine fast wortlose Gesprächssituation auf, verlegene Solidaritätslacher und ratlose "Äh"-Arien inklusive.

Dass es das behavioristische Kommunikationsmodell Leonhard Bloomfields ("stimulus and response") nebenbei auch noch gratis gibt, muss man nicht wissen, zeigt aber, wie exzellent dieser Abend dramaturgisch vorbereitet ist.

Wortkunst und Sprachmusik

Überhaupt ist alles, was wie sympathische Improvisation aussieht, minutiös geprobt und funktioniert auch in den synchronen, phonetisch hochkomplexen Sprechblasen exzellent. Wortkunst und Sprachmusik bringen uns Sudermann & Söderberg vor Auge und Ohr und beweisen damit, dass sie ihr Dramolett "Freedom of Speech" (Redefreiheit), das im Rahmen von "frisch eingetroffen" 2008 bei zeitraumexit zu sehen war, als Dirigentinnen ihres eigenen Dialogs erfolgreich abendfüllend fortentwickelt haben. Das Kontakthalten mit dem Empfänger - Linguist Jakobson nennt es die "phatische Funktion" der Sprache - ist dabei oft wichtiger als die Botschaft selbst. Wie wir miteinander bei der Kommunikation, wenn auch minimalistisch, singen und tanzen, haben die beiden jungen Künstlerinnen genau beobachtet und launig im Minimalformat umgesetzt. Wie stimmen wir zu, wie korrigieren wir uns, wann haben wir keine Lust mehr auf Reden, wann ist und die Stille  wichtiger als ausgesprochene Übereinkunft? Sie geraten ins Singen. "Love" verebbt zur Ukulele zum "Lalala", wird beim finalen Auszug aus dem Saal zum nahezu scholastischen Hymnus in der Ferne.