Kissenschlacht als Todesursache

zeitraumexit zeigt Stefano Riccis "Geschichte des Bären"

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Mannheimer Morgen

„Der Künstler macht Pasta.“ Es ist die erste Information, die wir über Stefano Ricci erhalten. Mit mehligen Händen wirbelt der Italiener bei zeitraumexit hinterm Tresen umher und rollt Teig aus, während sich ein Stockwerk höher das Publikum vor seinen Werken versammelt. Als Kurator Tilo Schwarz die Vernissage eröffnet, steht Ricci neben ihm, ohne Mehl, dafür mit freundlichem Lächeln. Hinter ihm eines von fünf großen Wandbildern, das noch keinen Titel hat – bis jetzt. „Wir könnten sie ,Broken Story‘ nennen“, sagt Ricci.
Fragment in Comic-Form Eine Geschichte mit Lücken also, ein Fragment in Comic-Form. Wobei „Comic“ irreführend ist: Ricci hat mit Ölfarbe und Kohle, mit Tinte und Pinsel Schwarz-Weiß-Bilder entstehen lassen. Dazu hat er Anekdoten- Bruchstücke montiert: Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, in der er seine Ferien mit psychisch Kranken verbracht hat – in einem Wohnprojekt des Psychiaters Franco Basaglia, der die „Verrückten“ in die Gesellschaft integrieren wollte.
Vittorio war einer dieser Verrückten, und Stefano Ricci erzählt seine Geschichte mit ein paar Worten und Pinselstrichen. Dabei bekommen wir Vittorio nie ganz zu sehen – auch nicht im letzten Bild, das einen leeren Raum zeigt. Eine Kissenschlacht haben sich die „Verrückten“ dort geliefert, bei der ein Kissen durchs Fenster flog. Vittorio sprang als Retter hinterher – und starb. „Ein seltsamer Tod“, sagt Ricci, „aber auch ein schöner, oder?“
Auch der Protagonist des zweiten Werks, „Die Geschichte des Bären“, ist bereits tot: Bruno, „der Problembär“. Riccis gezeichnete Geschichte macht ihn noch einmal lebendig: Wir sehen ihn auf der Flucht vor Jägern, wir sehen seine Schusswunde. Und dann sehen wir einen Mann mit Wildschweinen. Er habe von Heinz Meynhardt gehört, einem einsamen Wildschweinforscher zu DDR-Zeiten. „Es wäre doch schön gewesen, wenn Meynhardt Bruno versteckt und gepflegt hätte“, sagt er und lächelt. Ein Tagtraum in Schwarz- Weiß, der noch bis 16. November bei zeitraumexit zu sehen ist.

Simone Sohl