Poesie des Trivialen

Kunst: Zeitraumexit zeigt im Comic die Schönheit des Alltags

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Mannheimer Morgen

„Die Erde muss wieder dampfen“ fordert der Schriftsteller Alfred Döblin 1914 in seinem „Berliner Programm“, mit dem er der vielfach beschworenen Romankrise entgegentritt und zu einem neuen Selbstverständnis der literarischen Moderne aufruft. Der sogenannte „Kinostil“ will rapide Abläufe, Durcheinander in bloßen Stichworten und Montage in die Epik integrieren.

Eine junge Generation an Zeichnern findet im Comic, der noch immer – und zu Unrecht – ein Nischendasein fristet, ein Experimentierfeld für neue, ungewohnte Ausdrucksformen. Als Mischtyp zwischen der Welt der Worte und der Welt der Bilder sprengt er festgesetzte Genregrenzen.

Freies Spiel der Assoziation
Acht solcher Positionen gibt es bis 8. März im Zeitraumexit zu sehen. „Nothing Special“ lautet der Titel der Ausstellung – und gibt damit schon das Programm vor: die Poesie der Alltagskultur, der ungewöhnliche Blick auf das Gewöhnliche sind ihr Gegenstand. Der Belgier Florian Ecrepont nähert sich dem Medium, indem er es in seine Einzelteile zerlegt. Was interessiert, ist nicht mehr die große Geschichte, sondern das Bewusstsein für das Detail. Das nackte, angewinkelte Frauenbein wird so lange seziert bis nur ein argloser Strich in der Landschaft übrig bleibt. Noch expliziter wird diese Fokussierung bei Sarah Schneider. Wie mit dem Fernrohr oder dem Mikroskop eingefangen, muten ihre Bilderserien an, die häufig mit dem Blick aus Türen oder Fenstern, dem Wechsel von Innen und Außen spielen und eine scheinbare intime Nahsicht suggerieren.

Noch freier wird das Spiel mit der Assoziation beim argentinischen Künstler Berliac. Einzelsequenzen, wie in einem Zeitraffer dargestellte Verwesung eines Tieres, antike Bildzitate und detaillierte Milieustudien vom streunenden Obdachlosen mit Hund bis zum bettelnden Straßenkind ergeben ein kafkaeskes Puzzle, das sich dem ersten Zugriff verwehrt. Filmstills dienen Kristina Tzekova und Martha Verschaffel als Grundlage für Reflexion auf das Medium Comic. Verwandtschaft und Distanz, Zeitwahrnehmung und Darstellungsmuster werden erkundet.
Der „Kinostil“ erobert die Kunst.

Caroline Blarr