Unsichtbarer Streit wirkt umso heftiger

KUNST: Moderne Performance des Stücks 'Maria Stuart' in der Galerie zeitraum_ex!t

Veranstaltung

Zeitung

Mannheimer Morgen

Zwei Männer, zwei Frauen. Bäume. Steine. Wasser. Luft. Zwischen den Stimmen der vier Personen, die man nur hört, aber nie sieht, und begleitet von Videobildern aus der Natur spitzt sich ein tödlicher Konflikt zu, atemberaubend, angetrieben von Heimtücke, Machtansprüchen und Brutalität: Schillers „Maria Stuart“ einmal ganz anders, ganz neu und ungewohnt intensiv im zeitraum_ex!t Büro für Kunst.

Drei Jahre haben 8 Künstler aus Berlin und Hamburg an dem Projekt gearbeitet, das sie auf Einladung von Gabriele Oßwald vorführten: Konzept und Regie stammen von Jantje Röller (zuletzt Dramaturgin am Berliner Ensemble), die Video-Filme schuf Julia Wandel, Pianist Holger Schwark erarbeitete Tondesign und eine elektronische Charakterisierung der Personen, für Raum und Licht war Steffo Jennerich zuständig, und die vier Personen werden von den Berliner Schauspielern Ulrike Krumbiegel, Rainer Kühn, Axel Werner und Vera Oelschlegel gesprochen.

Man kommt als Besucher in einen dunklen, mit Gitterelementen und zwei Truhen spartanisch „möblierten“ Raum – so könnte man sich den Kerker der unglücklichen Maria Stuart vorstellen. Am Eingang fällt blutrotes Licht auf einen Vorhang, und an vier Wänden werden zugleich mit den Stimmen die Videoansichten abgespielt, die den vier Personen und dem sich zuspitzenden Geschehen zugeordnet sind.

Schillers Text wurde sorgfältig auf die Dauer einer halben Stunde gekürzt, man sollte eher sagen: komprimiert. Nichts läuft hier dem Drama zuwider, im Gegenteil, die Off-Dialoge der beiden Königinnen mit ihren jeweiligen zweifelhaften Getreuen und die katastrophale Begegnung der Frauen selbst erfahren eine Steigerung und Aktualität, wie man sie auf einer vom Regietheater erschütterten Schauspielbühne heute kaum erlebt.

Während die Blätter von Bäumen einem vor den Augen schwanken, während suchende Kamerafahrten durch Sträucher und Gestrüpp noch Hoffnung und einen Ausweg für die inhaftierte Königin suggerieren, während ein Bagger dicke Steinbrocken aufnimmt oder rosa Blüten den letzten Anschein einer Konfliktlösung erhoffen lassen – während solcher Bilder, die das Unterbewusstein stimulieren, ist man praktisch gezwungen, konzentriert zuzuhören und Schillers Text auf einer zweiten, intellektuellen Ebene wahrzunehmen.

Es erweist sich, dass der ach so verstaubte Klassiker uns in bestürzender Direktheit höchst moderne politische Defizite unter die Nase reibt: Lügen, Verrat, Demütigungen, blanken Mord als Instrument der Macht. Wenn zum Schluss eine anmutig-feudale Brunnenfigur Wasser speit, bleibt eine von unfähigen Männern umgebene, moralisch geschädigte Siegerin zurück, indes die Verliererin im Tod so etwas wie persönliche Freiheit gefunden hat. Und man bleibt als Betrachter zurück und muss erst mal schlucken nach dieser Entlarvung von Realität, die immer noch auch die unsere ist.
hey

www.morgenweb.de