Wie man mit Reiskörnern die Welt erklärt

Die britische Gruppe „Stan's Café" und andere beim internationalen Performancefestival „Wunder der Prärie" in Mannheim

Zeitung

Die Rheinpfalz

Von unserer Mitarbeiterin Heike Marx

Zehn Tage lang ist Mannheim wieder das Zentrum internationaler Performance-Kunst. „Wunder der Prärie" heißt das Festival seit letztem Jahr; seine einzigartige, auch international beachtete Position hat es sich kontinuierlich erobert. Die Räume des Veranstalters Zeitraum/Exit, das Kulturzentrum Alte Feuerwache, der öffentliche Raum und von Jahr zu Jahr eigens ausgewählte Zusatzorte, wie diesmal das Trafo-Werk Mannheim-Käfertal, sind seine Bühne.

Noch bis zum Abend des Wahlsonntags öffnet die Fahrzeughalle der Alten Feuerwache von 12 bis 20 Uhr zu einem Projekt, das in etwas anderer Form beim Theaterfestival in Stuttgart Furore machte. Statistiken in Form von Reiskörnern, wenn das keine Idee von genialer Einfachheit ist! Jeden, ganz gleich welche Vorbildung und welche Interessen er hat, schlägt sie in Bann, so dass er immer weiter schauen und vergleichen möchte. Einem Mensch entspricht ein Reiskorn. Da ist das eine Reiskorn Thomas Gottschalk und eine imposante Schütte all diejenigen, die seine Sendung „Wetten, dass..." gesehen haben.

Zahlen werden hier zum visuellen Ereignis von groß und klein, größer als, kleiner als. Das verblüfft, erheitert manchmal und geht oft unter die Haut. Vier junge Briten in unscheinbar beigefarbenen Kitteln, die sich „Stan"s Café" nennen, haben eine Theke aufgebaut, an der sie zählen, rechnen und auswiegen. Bis zum Ende der Aktion wird der gesamte Boden der Halle mit Reishäufchen bedeckt sein.
Die Vergleiche, die sie schon mitgebracht haben, machen betroffen. Ein großer Reishaufen steht für die Kinder, die alljährlich an Krankheiten sterben, für die es längst Impfstoffe gibt. Die Haufen von Kriegstoten: In der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg waren sie größer als nach Hiroshima und Nagasaki. Coventry ist ganz klein im Verhältnis zu Dresden. Am größten ist der Holocaust. Mit dem Zählen und Abwiegen der aktuellen deutschen Bevölkerung haben die Briten gerade angefangen.

Die „Wunder der Prärie" sind von Jahr zu Jahr so verschieden, dass man nie im Voraus weiß, was einen erwartet. Das liegt an der Natur der Performance, die alles, was an ästhetischer Artikulation möglich ist, einschließt und verbindet. Zeitraum/Exit - das sind die Künstler Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister, Elke Schmid, Tilo Schwarz - legt das jeweilige Thema für die internationale Ausschreibung fest. „Reisen" heißt es in diesem Jahr. Aus 150 Bewerbungen haben sie ein rundes Programm nach künstlerischen und nicht zuletzt auch finanziellen Gesichtpunkten zusammengestellt, denn die Mittel werden bei Sponsoren eingeworben.

Festivalstart ist immer bei Zeitraum/Exit in Party-Atmosphäre. Performance und Installation, die dazu gehören, waren in diesem Jahr gediegen und lyrisch. Tine Louise Kortermand aus Dänemark erzählte in Liedern Geschichten von Frauen, umgeben von einer Band aus drei Männern. Eine Videoinstallation ist ganz klein und intim auf eine schwarz verhängte Kabine in der Größe einer Telefonzelle beschränkt. Über Kopfhörer lauscht man sanfter Klaviermusik, während sich leuchtende Formen und Farben auf einem Bildschirm drehen. Sie gehören zu einem roten Wichtelmännchen, das so winzig ist, dass die Fingerkuppen, die es halten, riesig erscheinen. Die Installation trägt den Titel „Vater im Himmel", sie ist während der Dauer des Festivals zu sehen. Ihr Schöpfer ist René Arnold aus Berlin, der primär ein Mann des Theaters ist.

Während Besucher hier gezielt hingehen, will eine Litfasssäule am Paradeplatz die Aufmerksamkeit eines Zufallspublikums einfangen. Jochen Schambeck aus Karlsruhe hat sie mit ironischen Fotomontagen zum Thema Tourismus beklebt. Ist sie laut genug, um bemerkt zu werden? Die Frage könnte Thema einer anderen Performance sein.
Bei Zeitraum/Exit reist man an den kommenden Abenden hauptsächlich mit Theater. Zum Abschluss gibt es im Trafohaus in Mannheim-Käfertal ein Tanztheater der Sonderklasse aus Frankreich. Im Kunstraum der Alten Feuerwache tritt man in eine spektakuläre Installation ein. In City und Bahnhof kommt manchem vielleicht das Reisen auf eigene Art entgegen.