stadtraum[ ]privatraum - Editorial

Archiv 2002     Grußwort     Editorial     Programm und Dokumentation

 

 

    

stadtraum - privatraum

In Bezug auf die moderne Großstadt und das Leben in den Metropolen lautet Richard Sennetts These:
Die Lebenswelt wird als radikal zugeteilt erfahren: Arbeitsort da, trautes Heim hier.
Selbst das Haus wird in öffentliche und private Zonen unterteilt - Gesellschaftsräume - 'Wohn'zimmer hier, Schlaf-, Kinder- und Badezimmer dort.
Das Haus ist unser moralisches Refugium, der Schauplatz der Innerlichkeit. Der Rückzug in häusliche Schutzzonen verschärft die isolierenden Trennungen und Ungleichheiten zwischen den Menschen.
Der Verlust der Stadt als öffentlicher Schauplatz des Lebens ruft Gleichgültigkeit, Prozesse der Zerstückelung, der Entfremdung, der Einsamkeit und der Vereinzelung hervor.
Straßen und Plätze werden zu Orten der Anonymität, Kälte und Leere.
'Wenn man danach fragt, wie sich die Menschen in der Öffentlichkeit ausdrücken, so stößt man natürlich auf die zweite Frage: zu welchen Ausdrucksformen ist der Mensch in sozialen Beziehungen fähig? Wenn jemand einem Fremden Höflichkeit bezeigt, agiert er dann im Ausdruck so wie ein Schauspieler? Über die Ausdruckslosigkeit des öffentlichen Lebens läßt sich kaum sprechen, wenn man nicht über eine Theorie des Ausdrucks verfügt. Gibt es zum Beispiel einen Unterschied zwischen dem in öffentlichen und dem in privaten Beziehungen angemessenen Ausdruck?'
(Richard Sennett, Verfall des öffentlichen Lebens)

Kunst als Forschungsmethode für gesellschaftliche Fragestellungen.
Ganz offensichtlich haben sich öffentliche und private Sphäre in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten rasant verändert.
Nichts in unserem öffentlichen Raum, kein Pflasterstein, keine Türklinke und schon gar kein öffentlicher Platz blieb in den letzten Jahren vom ästhetischen Boom verschont. 'Schöner Wohnen' ist eine Parole von gestern. Heute heisst die Devise 'Schöner leben, schöner einkaufen, schöner kommunizieren, schöner schlafen'.
Kommunikation ist auch Durchdringung von Privatem und Öffentlichem; das Mobiltelefon ist Utensilie einer 'öffentlichen Intimität': wie definieren wir 'privat' und 'öffentlich' heute?
Ist das Ende der Öffentlichkeit der Anfang des Privaten? Braucht das Private die Öffentlichkeit und umgekehrt?
Welche Veränderungen erfährt der Stadtraum?

Kunst als Möglichkeit für andere Sichtweisen und Erfahrung von Stadt
Von unserem vertrautesten Umfeld, der Wohnung, von unserem Stadtteil, von Wegen in unserer Stadt entwickeln wir 'innere Bilder', die uns Orientierung und Identität geben. Was geschieht, wenn die 'inneren Bilder' auf veränderte Räume oder Gebäude treffen?
Wie werden städtische Räume und Plätze wahrgenommen?
Was geschieht mit öffentlichen Orten, wenn dort Privates gezeigt wird.
Was geschieht mit privaten Räumen, wenn sie öffentlich gemacht werden?
Kunst wird im städtischen Alltag erlebbar und erfahrbar.
Künstlerinnen und Künstler erforschen entlang dieser Fragestellungen das Umfeld, die Geschichte und Topografie Mannheims, Privaträume sowie öffentliche Räume und Plätze.
Sie werden in subtiler Art und Weise ihre Kunst im öffentlichen Raum zeigen. Es sind eher 'stille Eingriffe' und Positionierungen, die Aufmerksamkeit erfordern, die entdeckt sein wollen. Ihre Stärke liegt im Beiläufigen. Zuweilen bewegen sie sich zwischen der Gefahr, absorbiert zu werden und der Behauptung.
Die KünstlerInnen setzen sich mit ihren Arbeiten aus, sie prüfen und befragen den städtischen Raum mit seiner grassierenden Ästhetisierung.


In den leeren Straßen.
Ich frage mich, was Architektur ist, was Blumenkübel sind, was
ist ein Parkplatz. Es ist kalt und
es ist kalter Abend. Menschen keine; Stille
ist nicht zu erfinden. Vor einem Schaufenster
stehend zähle ich 47 brennende Lampen.

(Jürgen Becker)


zeitraum_ex!t Büro für Kunst
Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister,
Elke Schmid, Tilo Schwarz.